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Vor 1933 zählten Leopold und Fritz Jessner zu den bedeutenden Persönlichkeiten des Theaters, während Samuel und Max Jessner in der Medizin bahnbrechende Beiträge leisteten. Auch weitere Familienmitglieder waren künstlerisch (Hannelore und Eva Jessner) oder medizinisch (Kurt und Lucie Jessner) tätig. Die nationalsozialistische Verfolgung zwang die aus Königsberg stammende, weit verzweigte jüdische Familie ins Exil. Sie verschwand im Nachkriegsdeutschland aus dem kollektiven Gedächtnis. Heute verweisen nur noch wenige Spuren auf sie: ein Straßenname in Berlin und ein medizinisches Eponym. Mit ihrer auf die wichtigsten Personen fokussierten Familienbiografie rufen Anat Feinberg und Robert Jütte die bewegte Geschichte der Jessners nun erstmals in Erinnerung - und verdeutlichen, wie sich die Geschichte der deutschen Jüdinnen und Juden im 19. und 20. Jahrhundert in dem Schicksal der Familie spiegelt. Der erste Teil widmet sich den Theaterleuten: Leopold Jessner entwickelte sich zu einem "Theater-Revolutionär", als er 1919 der erste jüdische Intendant des Staatlichen Schauspielhauses am Gendarmenmarkt in Berlin wurde. Die Kritik störte sich sowohl an seiner Person als auch seinen häufig künstlerisch innovativen Inszenierungen. 1933 emigrierte er über mehrere Zwischenstationen in die USA. Sein Schwager Fritz Jessner war seit 1928 Intendant am Preußischen Landestheater Königsberg, musste sein Amt aber 1933 aufgrund massiven politischen Drucks aufgeben, und emigrierte nach einigen Jahren im Jüdischen Kulturbund in die Schweiz und 1940 schließlich in die USA. Der zweite Teil gilt den Medizinern: Dr. Samuel Jessner, ein bedeutender Sexualforscher im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, verstarb bereits 1929. Sein Sohn Max konnte im amerikanischen Exil seine wissenschaftliche Karriere als Dermatologe fortsetzen und entdeckte 1953 eine nach ihm benannte Hautkrankheit mit. Von der Familie kehrte niemand nach dem Kriegsende nach Deutschland zurück.
Anat Feinberg studierte Anglistik und Philosophie an der Universität Tel Aviv. 1978 wurde sie an der London University mit einer Dissertation über das Theater zur Zeit Shakespeares promoviert. Danach war sie Dozentin für Literatur- und Theaterwissenschaft an der Ben-Gurion-Universität und an der Universität Tel Aviv. Drei Jahrzehnte lehrte sie als Professorin für Hebräische und Jüdische Literatur an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Zahlreiche Buchveröffentlichungen zur Geschichte der modernen Hebräischen Literatur sowie zur Theater- und Exilgeschichte. Robert Jütte studierte Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaft in Marburg, London und Münster. 1983-1989 Dozent und später Professor für Neuere Geschichte an der Universität Haifa, Israel. 1990-2020 Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, seit 1991 Honorarprofessor an der Universität Stuttgart. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Sozialgeschichte, Medizingeschichte, Alltags- und Kulturgeschichte sowie jüdische Geschichte und Exilforschung.