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Die zwölfjährige Mie lebt mit ihrer Familie in einem Leuchtturm an der nordöstlichen Küste Sitjaqs, einer Landschaft aus Felsen, Eis und Wasser. Der nächste Ort ist acht Stunden Fußmarsch entfernt, Mies Vater verdient sein Geld mit Fischerei und Fellhandel. Ihre Mutter Noé hat er einst aus dem Wald mitgebracht, sie ist Nomadin, eine wilde Frau. Doch sie spricht nur selten, manchmal durchdringt ihr Gesang das Rauschen der Wellen, und das Kind umschwirrt Noé voll Ehrfurcht. Die junge Mie hat ein Talent: Sie schlüpft in den Körper von Tieren, die an der Küste leben, mal in einen Bären, dann in einen Kranich oder einen Otter. Spontan und absolut, manchmal sogar unfreiwillig wechselt sie in das andere Geschöpf. Es ist eine Freiheit, die sich erstreckt bis in das Gefühl der Nacktheit und des Ausgesetztseins. Dann will Mie mehr über ihrem eigenen Körper wissen und versucht, Verlangen in ihrem Onkel Osip zu wecken, damit er ihr zeigt, wie Sex bei den Menschen funktioniert. Für diesen allerdings existiert Mie nicht, er begehrt nämlich Noé, rücksichtslos und eifersüchtig. Audrée Wilhelmy entführt uns in eine fremde Welt voll wilder Fantasie. Mit ihrer kraftvollen, bezaubernden Sprache erkundet sie Regionen der Begierde und der animalischen Natur des Menschen, der Weiblichkeit und der Sehnsucht.
Audrée Wilhelmy wurde 1985 in Cap-Rouge (Québec) geboren. Sie gehört zur ersten Generation von Schriftsteller:innen aus Québec, deren akademische Ausbildung gänzlich dem kreativen Schreiben gewidmet war. Für ihr Werk, das auch in Frankreich veröffentlicht wird und bisher sechs Romane und ein Manifest umfasst, wurde sie 2015 mit dem Prix Sade ausgezeichnet. Für Blanc Résine (Weißes Harz) wurde ihr der Prix Ouest-France Étonnants Voyageurs verliehen, Peau-de-Sang (Bluthaut) erhielt 2024 den prestigeträchtigen Prix Ringuet. Sie setzt sich für die Förderung von Québecer Künstlerinnen und Autorinnen ein. Tabea Rotter, geboren 1984, studierte Violoncello und Philosophie in Zürich und Frankfurt. Sie arbeitet als Lektorin und Übersetzerin in Wiesbaden. Zu ihren Veröffentlichungen zählen Werke von Alice Zeniter, Simone Weil, Emmanuel Todd und Audrée Wilhelmy. Für die Übersetzung des Romans Weißes Harz von Wilhelmy wurde ihr ein Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds verliehen.