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Was bleibt von einer Überlieferung, wenn ihre Herkunftsgeschichte nicht stimmt? 1614 wies ein Philologe namens Isaac Casaubon nach, dass die hermetischen Schriften nicht aus dem Ägypten vor Moses stammen, sondern aus der römischen Kaiserzeit. Hundertfünfzig Jahre europäischer Gelehrsamkeit hatten auf einer falschen Datierung geruht. Merkwürdig ist, was danach geschah: Die Texte verschwanden nicht. Sie wanderten dorthin, wo die Datierungsfrage nicht gestellt wurde.
Zwanzig Essays prüfen die Überlieferungen, auf die eine Werkstattkunst sich beruft - und lassen die meisten ihrer Altersbehauptungen fallen. Das Kybalion stammt aus Chicago, nicht aus Ägypten. Pythagoras war vermutlich kein Mathematiker. Die zentrale Legende der Freimaurerei ist eine Erfindung des achtzehnten Jahrhunderts. Und die Landmarke, die Frauen ausschließt, ist jünger als die Gerichtshöfe der Aschanti.
Man könnte meinen, danach bleibe wenig. Das Gegenteil trifft zu, und es liegt an einer Regel, die ein persischer Gelehrter um 1030 formuliert hat: Man unterscheidet, was eine Überlieferung von sich behauptet, was sich nachprüfen lässt, und was man davon halten soll. Die Herkunftsfrage ist nicht die Wertfrage.
Was übrigbleibt, ist in jedem Fall weniger alt und mehr wert. Das pythagoreische Komma - die Stelle, an der zwölf reine Quinten nicht auf sieben Oktaven aufgehen. Die Frage, ob ein Kosmos, den man einen Baumeister nennt, für seine Risse haftet. Ein Ritual, das den Kandidaten nicht krönt, sondern hinlegt. Und ein Wort, das ausdrücklich als Behelf gekennzeichnet ist, weil das echte verloren ging.
Jeder Essay ruft höchstens zwei Denker auf. Achtzehn der einundvierzig stammen nicht aus Europa - nicht als Quote, sondern weil die schärfsten Prüfmittel häufig anderswo entwickelt wurden.
Vierter und letzter Band der Reihe. Einzeln lesbar.
Gerhard Ebeling, Jahrgang 1957, geboren in Niedersachsen, lebt bei Hannover. Beruflich war er als internationaler IT-Manager in verschiedenen Zweigen der Finanzwirtschaft tätig - in einer Branche, in der sich täglich entscheidet, ob eine Ordnung auch dann trägt, wenn niemand sich Mühe gibt. Seit 2007 ist er Freimaurer, seit 2025 Herausgeber der Zeitschrift Die Stossfuge. Aus deren Essays entstand Ritual trifft Realität: vier Bände, achtzig Texte über das Maß, das man an sich selbst anlegt, über Bindungen, die hergestellt werden müssen, über Ordnungen, die scheitern können müssen - und über das, was man vorfindet, ohne es erfunden zu haben.
Über mich als Autor Ich habe über dreißig Jahre lang dafür gesorgt, dass Systeme funktionieren, auf die sich Menschen verlassen, ohne sie zu verstehen. Wer das lange genug tut, lernt eine unbequeme Sache: Es kommt selten auf den guten Willen der Beteiligten an. Es kommt darauf an, ob die Konstruktion trägt, wenn jemand müde, unaufmerksam oder eigennützig ist. Dieselbe Frage stellt sich anderswo. Bei einer Gemeinschaft. Bei einer Verfassung. Und bei einem Menschen, der sich vornimmt, besser zu werden. Seit 2007 bin ich Freimaurer. Der Bund arbeitet mit den Werkzeugen des Steinmetzhandwerks - dem rauen Stein, der Kelle, dem Senkblei, dem Zirkel -, und irgendwann stellte sich mir die Frage, was diese Bilder außerhalb der Loge noch taugen. Ob sie etwas erklären oder nur schmücken. Die Essays dieser Reihe sind der Versuch einer Antwort. Sie handeln nicht von der Freimaurerei. Sie benutzen ihr Werkzeug und legen es an das an, was ohnehin da ist: an die Frage nach dem gelingenden Leben, an die Bedingungen von Bindung, an die Verfassung unserer Institutionen und an das, was wir geerbt haben, ohne es erfunden zu haben. Es sind keine Ratgeber. Sie beantworten wenig und halten manches offen, was sich schließen ließe, wenn man weniger genau wäre. Wer sie liest, braucht keine Vorkenntnisse. Wer eine Enthüllung erwartet, wird enttäuscht.