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Geschichte wiederholt sich nur selten in derselben Gestalt. Sie kehrt nicht mit denselben Uniformen, denselben Parolen oder denselben Fahnen zurück. Viel häufiger verändert sie ihr Gesicht, passt ihre Sprache an und nutzt die Unsicherheiten einer neuen Epoche. Wer deshalb ausschließlich nach den Symbolen des vergangenen Jahrhunderts sucht, läuft Gefahr, die politischen Entwicklungen der Gegenwart zu übersehen. Europa kennt diese Lektion besser als jeder andere Kontinent. Das 20. Jahrhundert hinterließ nicht nur zerstörte Städte und Millionen von Opfern. Es hinterließ auch ein kollektives Versprechen: Nie wieder sollte eine Ideologie der Ausgrenzung, des autoritären Nationalismus und der Verachtung demokratischer Institutionen die politische Mitte Europas erreichen. Nach 1945 schien dieses Versprechen durch neue Verfassungen, internationale Zusammenarbeit und den Ausbau liberaler Demokratien dauerhaft abgesichert zu sein. Über Jahrzehnte entstand die Überzeugung, die historischen Erfahrungen hätten Europa immun gemacht. Faschismus erschien als abgeschlossenes Kapitel der Geschichte als Mahnung, nicht als reale politische Möglichkeit. Doch Geschichte kennt keine endgültigen Garantien. Die gesellschaftlichen Bedingungen verändern sich. Wirtschaftliche Krisen erschüttern Vertrauen. Technologische Umbrüche verändern öffentliche Kommunikation. Migration, Globalisierung, geopolitische Spannungen und kulturelle Konflikte erzeugen Unsicherheit. In solchen Zeiten gewinnen politische Bewegungen an Kraft, die einfache Antworten auf komplexe Fragen versprechen und Sicherheit über Freiheit, Homogenität über Vielfalt und nationale Geschlossenheit über offenen Pluralismus stellen Die neuen rechtsradikalen und neofaschistischen Bewegungen unterscheiden sich dabei in vielerlei Hinsicht von ihren historischen Vorläufern. Sie treten selten offen als Feinde der Demokratie auf. Vielmehr präsentieren sie sich häufig als deren eigentliche Verteidiger. Sie sprechen von Volkssouveränität, kultureller Identität, nationaler Sicherheit und dem Schutz traditioneller Werte. Gerade diese Fähigkeit zur Anpassung macht ihre Analyse so anspruchsvoll. Nicht jede nationalkonservative Partei ist neofaschistisch. Nicht jede Kritik an Migration oder Globalisierung ist Ausdruck extremistischer Ideologien. Ebenso wenig lässt sich jede gesellschaftliche Unzufriedenheit auf demokratiefeindliche Motive reduzieren. Wer politische Entwicklungen verstehen will, muss unterscheiden können. Pauschale Urteile helfen ebenso wenig wie vorschnelle Verharmlosung. Dieses Buch versucht deshalb, jenseits von Schlagworten zu analysieren. Es untersucht die historischen Wurzeln jener Bewegungen, ihre ideologischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede, ihre Kommunikationsstrategien sowie die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie an Einfluss gewinnen. Es fragt danach, warum autoritäre Erzählungen gerade in stabilen Demokratien wieder Resonanz finden. Es beleuchtet den Einfluss sozialer Medien, digitaler Desinformation, wirtschaftlicher Unsicherheit und kultureller Polarisierung auf den politischen Wandel Europas. Denn keine politische Bewegung entsteht im luftleeren Raum. Extremismus wächst dort, wo Institutionen an Vertrauen verlieren, wo politische Eliten den Kontakt zu großen Teilen der Bevölkerung einbüßen und wo Ängste stärker werden als gemeinsame Zukunftsvorstellungen. Wer ausschließlich die Symptome bekämpft, ohne die Ursachen zu verstehen, wird den langfristigen Entwicklungen kaum begegnen können.