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In diesem neu zu entdeckenden Roman gerät der namenlose Ich-Erzähler vom Anfang des 20. Jahrhunderts durch eine Zeitreise in das ihm fremde Leningrad der 1950er-Jahre. Allerdings hat er den Weltkrieg ebenso 'verschlafen' wie die Russische Revolution. Dadurch fällt sein Vergleich der 'alten' Zeit mit der fiktiven Gegenwart der 50er-Jahre besonders deutlich aus. Er bewegt sich wie ein Fremder im eigenen Land, in dem der Bestohlene aufgrund ihres 'Reichtums' verurteilt werden und Diebe aufgrund ihres proletarischen Hintergrundes straffrei bleiben. Vor dem Auge des Lesers entsteht das Zerrbild einer zukünftigen Gesellschaft, das damals im Entstehen war und bis heute in eine beängstigende Gegenwart Russlands hinein wirkt: Die Presse existiert lediglich zu Propagandazwecken, die Kultur ist zensiert und uniformiert, die Gesellschaft ist auf Lüge und Doppelmoral aufgebaut, und die Menschen versuchen, in dieser 'verkehrten Welt' jeder auf seine Weise und nach seinem Verstand zurechtzukommen. Mit Leningrad hat Michail Kosyrew vor genau100 Jahren einen bemerkenswerten negativen Staatsroman und zugleich einen prophetischen Text verfasst.
Der russische Autor Michail Kosyrew (1892-1942) hat mit Leningrad vor genau 100 Jahren einen erhellenden Staatsroman und einen prophetischen Text zugleich verfasst, in dem das Zerrbild einer sozialistischen Eutopie entsteht. Wohl auch deshalb geriet er ab der Mitte der 1920er-Jahre zunehmend ins Visier der frühsowjetischen Kulturpolitik. In den 1930er-Jahren weitestgehend seiner Publikationsmöglichkeiten beraubt, starb er 1942 in Saratow an der Wolga, vermutlich in einem Gefängnishospital.