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In Das Leben Tolstois entwirft Romain Rolland kein bloß chronologisches Porträt, sondern eine geistige Biographie, die Werk, Gewissen und historische Wirkung Leo Tolstois in enger Verbindung liest. Präzise verfolgt er die Spannungen zwischen aristokrischer Herkunft und radikaler Morallehre, zwischen epischer Kunst und religiös-ethischer Selbstprüfung. Rollands Stil ist klar, konzentriert und zugleich von humanistischer Anteilnahme getragen; das Buch steht im Kontext der frühen europäischen Autorenbiographik, die literarische Analyse mit moralischer Ideengeschichte verbindet. Rolland, Nobelpreisträger, Pazifist und leidenschaftlicher Vermittler europäischer Kultur, war in besonderer Weise berufen, Tolstoi zu deuten. Wie sein russischer Gegenstand dachte auch er über die Verantwortung des Künstlers, die Krise der Moderne und die Möglichkeit sittlicher Erneuerung nach. Seine intensive Beschäftigung mit großen geistigen Persönlichkeiten und seine Nähe zu internationalen Friedens- und Reformbewegungen erklären die Ernsthaftigkeit, mit der er Tolstois Leben als exemplarischen Kampf um Wahrheit und Menschlichkeit interpretiert. Dieses Buch empfiehlt sich allen, die Tolstoi nicht nur als Romancier, sondern als moralische und intellektuelle Macht verstehen wollen. Wer eine gelehrte, zugängliche und eindringliche Einführung in Leben, Denken und Nachwirkung des russischen Klassikers sucht, wird hier eine ebenso zuverlässige wie inspirierende Darstellung finden.