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Unter allen großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts stellt Herbert von Karajan (1908-1989) wohl die weltweit berühmteste, zugleich aber am schwersten greifbare Erscheinung dar. Auf der Grundlage zahlreicher neuer oder bislang unbekannter Dokumente entwirft das Buch von Wolfgang Rathert ein differenziertes Bild dieser komplexen Persönlichkeit mit dem Ziel, ihre notwendige Entmythisierung fortzuführen. Nach der ersten, über weite Strecken glänzenden Karriere im Nationalsozialismus entfaltete der "Generalmusikdirektor Europas" ab Mitte der 1950er Jahre als Nachfolger Furtwänglers an der Spitze der Berliner Philharmoniker, bei den Salzburger Festspielen, an der Wiener Staatsoper, in Luzern und Mailand und in strategischer Allianz mit der aufstrebenden Tonträger-Industrie seine Macht in beispielloser Weise. Nicht nur als Dirigent, sondern auch als Regisseur von Opern und Musikfilmen, als Intendant, als Festivalleiter und Musikunternehmer versuchte Karajan auf den Spuren Richard Wagners seine Vision eines perfekten musikalischen Kunstwerks zu realisieren. Seiner verdrängten musikpolitischen Vergangenheit und den Folgen seines Pakts mit dem technologischen Fortschritt stand Karajan jedoch zunehmend ohnmächtig gegenüber. Ob er am Ende an der Dialektik von Macht und Ohnmacht scheiterte und welches Vermächtnis er hinterlassen hat, bleibt diskussionswürdig. Ein umfangreicher Vorabdruck des Buches wurde auf "backstageclassical.com" veröffentlicht: backstageclassical.com/der-kuenstler-karajan-laesst-sich-nicht-vom-politischen-menschen-trennen/
Wolfgang Rathert, geb. 1960 in Minden/Westf., ist seit 2002 Professor für Historische Musikwissenschaft an der LMU München mit Schwerpunkt 20. Jahrhundert und Musik der Gegenwart. Er studierte 1980-87 Musikwissenschaft, Philosophie und Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin, wurde über die Musik von Charles Ives promoviert (Joachim Tiburtius-Preis des Landes Berlin 1988) und habilitierte sich 1999 an der Humboldt-Universität Berlin. Nach einer Ausbildung zum Wissenschaftlichen Bibliothekar leitete er 1991-2002 die Musik- und Theaterbibliothek der Universität der Künste Berlin. Von Wolfgang Rathert liegen zahlreiche Vorträge und Arbeiten zur Musikgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, insbesondere zur nordamerikanischen Musik und zur Klassizistischen Moderne vor. Er ist Mitglied der Stiftungsräte der Géza Anda-Stiftung Zürich und der Paul Sacher-Stiftung Basel.
Vorwort und Dank I Kunst - Macht - Politik Von den Schwierigkeiten einer Karajan-Biografie | Das Gewicht der Geschichte | Phänomen und Phantom | Charisma und Entzauberung II 1908-1934: Der Aufstieg (Salzburg I, Wien I, Ulm) Salzburg und Wien | Faszination der Technik | Ulm | Exkurs I: Partei- oder Karteimitglied? Karajans Mitgliedschaft in der NSDAP III 1934-1942: Die erste Karrierestation (Aachen) Aachen als Musikstadt | Karajans Start | Bekenntnis zum Nationalsozialismus | Die Grenzland-Ideologie | Einsatz für die Zeitgenossen | Deutsche Seele und Expansionsdrang | Künstlerische Partner in Aachen | Karajan als Opernregisseur | Die erste Ehe IV 1938-1945: Im Zentrum der politischen Macht (Berlin I und Linz) Die Eroberung Berlins | Im Schatten Furtwänglers | Karajan und Tietjen | Gustaf Gründgens | Von der Nülls Karajan-Deutung | Mythos und Wirklichkeit: Die "Meistersinger"-Aufführung 1939 | Erfolge in Rom und Paris | Die zweite Ehe | Der (angebliche) Parteiaustritt | Goebbels und Karajan | Verteidigungsstrategien I | Bruckner-Pflege in Linz | Kriegsende | Exkurs II: Das Entnazifizierungsverfahren V 1946-1971: Zwischenstationen Partnerschaft mit Walter Legge | Fantasie und Selbstzucht | Die Wiener Symphoniker | Karajan und Harnoncourt | Die Internationalen Musikfestwochen Luzern | Italien: Die Mailänder Scala | Ein kurzes Gastspiel auf dem Grünen Hügel | Ein zweites Mal Paris | Exkurs III: Karajan und die zeitgenössische Musik VI 1947-1989: Karajans Bayreuth (Salzburg II) Historische Kontexte | Ante portas | Vertragsverhandlungen | Am Ziel | Die Osterfestspiele | Die Kehrseite des Erfolgs | Kunstreligion und Kommerz VII 1957-1989: Ein moderner Renaissancefürst (Wien II) Krisen und Rücktritte | Kunstwirtschaft und Kartell | Jenseits und nach der Staatsoper VIII 1956-1989: Macht und Ohnmacht (Berlin II) Eine schwierige Beziehung | "... für unbestimmte Zeit" | Ein "fait accompli" | Eine filmreife Szene | Proteste in den USA | Verteidigungsstrategien II | Das magische Plus | Ein unvergessliches Konzert | Berliner Erfolge | Respekt vor dem Gesetz | Exkurs IV: Karajans Musikfilme IX Was bleibt? Sachlichkeit und Metaphysik | Zwischen Weltanschauung und Technokratie | In allen Sätteln reiten | Domestizierte Wildheit und rhythmische Differenziertheit | Vom Umgang mit der musikalischen Zeit | Karajans Wagner | Schicksal statt Politik | Perfektionierung der Aufnahmetechnik | Stiftungen und Initiativen | "Le roi est mort! Vive le roi?" Anhang Karajans Opern-Inszenierungen 1940-1982 Karajans Opern- und Konzertfilme 1962-1985 Archivalische und bibliografische Ressourcen Zeittafel Bildnachweis Personenregister